Klangmeditation
»Wie schön leuchtet der Morgenstern« EG 70
Einführung
Philipp Nicolai schrieb diesen Choral im Pestsommer 1597
Angesichts der Pest, kehrt er sich von konfessionellen Streitereien ab und richtet seinen Blick auf Christus, der auch angesichts des Todes hilft.
Das Lied ist Ausdruck der Liebe Christi und der Liebe zu Christus = Quelle der Soteriologie und Eschatologie. Es ist ein Lied des Trostes zum ewigen Leben – praeludium aeternitatis
Der Choral wird »Königin der Choräle« genannt, »Wachet auf« ist der König…
Die Christusprädikationen Morgenstern und A & O zeigen den eschatologischen Horizont.
Einige Entsprechungen sind in den Strophen 1 »Morgenstern« und 7 »A & O«
Strophe 2 »süßes Evangelium« und 6 »süßes Musica«
Die Strophe 6 hat einen doxologischen Imperativ: »Zwingt die Saiten.. und lasst die süße Musica«
während die anderen Strophen direkt das Lob singen.
Die Strophe 7 hat eine eschatologische Ausrichtung, es geht um die Aufnahme in den Himmel. Das hat nichts bedrohliches, denn es folgt ein fröhliches Klatschen und der sehnsuchtsvolle Ruf »Maranatha« - komm, Herr Jesus.
Hinweise zur Ausführung der Klangmeditation
1. Die/Der Kantor/in singt die erste Strophe vor. Gut wäre es, den ursprünglichen Rhythmus von Nicolai zu verwenden.
2. Dann singen alle Strophe 1. Die Klangmeditation bleibt bei der ersten Strophe:
3. »Wie schön« mehrfach wiederholt mit kurzen Hinweisen: staunendes Singen, Aufblicken und Ansehen des Sterns in der Kirche, Zeit lassen für den Klang bei »schön«
4. Weiter geht es mit dem Wort leuchtet »leuchtet«. Erklingen soll ein innerliches Strahlen. Am Besten mehrfaches Vor- und Nachsingen. Hier kann viel einfacher als durch Worte der Klang zu einem individuellen inneren Ausdruck des Einzelnen im Gemeinschaftsklang werden. Dafür bedarf es aber der mehrfachen Wiederholung.
5. Jetzt folgt ein individueller Schritt. Die erste Zeile »Wie schön leuchtet der Morgenstern« singt jede/r in seinem Tempo und seiner Betonung, ruhig mehrfach nacheinander, vielleicht auch nur einmal einzelne Töne, vielleicht auch mal eine Pause einlegen und auf den Klang hören. Wenn der Kantor die Arme hebt, hält jede/r den Ton aus, den sie/er gerade singt und er wird beim Aushalten immer lauter.
6. Die nächste Zeile »voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn« sind im Original alles Viertel bis zum Wort »Herrn«. Diese Zeile könnte man zweimal singen, um den Schwung hin zum Wort Herrn zu spüren, dann gleich weiter mit der dritten Zeile.
7. Der zweiten Stollen wird einfach gesungen, damit wieder, nach dieser retardierenden Singweise und dem Klangspiel Bewegung entsteht.
8. Bei den Worten »lieblich« und danach »freundlich« am Beginn des Abgesangs, wird wieder der Charakter dieser Worte in den Mittelpunkt gestellt und durch Vor- und Nachsingen ausprobiert. Die/Der Kantor/in sollte für sich diese Stellen gut geübt haben, damit ihr/ihm der liebliche und freundliche Klang sofort gelingt.
9. Der weitere Abgesang wird im Crescendo und Accellerando gesungen bis zum Wort »hoch«, was wieder der höchste Ton ist. Auch hier würde ich vorschlagen einige Male Vor- und Nachzusingen.
10. Als Abschluss dieses Teiles, singen alle die Strophe 1.
11. Damit die Gemeinde ein Pause hat, könnte hier eine Einführung folgen. Philipp Nicolai hat diese Lied im Pestsommer 1597 gedichtet. Es ist ein Hoffnungssong gegen das Sterben und geprägt von Liebeslyrik, die sich an den Psalm 45 anlehnt.
Die weihnachtliche Anklänge sind z.B. »wahr‘ Gottes und Marien Sohn« in der zweiten Strophe, aber nicht das arme Kind, sondern der göttliche König wird besungen. Deshalb passt dieses Lied, neben der Erwähnung des Sternes, zu Epiphanias.
Die zweite Strophe singt von Milch und Honig und erinnert darin an Gottes Verheißung bei der Berufung von Mose: Gott wollte Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreien und es in ein Land führen, indem Milch und Honig fließt. Dieses Land ist ein Sehnsuchtsland, dort ist Gottes Nähe zu spüren, dort ist das Reich Gottes. So verbindet Nicolai dieses alttestamentliche Bild mit dem Evangelium.
12. Die zweite Strophe wird gesungen. Ob a capella oder mit Orgel ist vor Ort zu entscheiden.
13. Für die sechste Strophe erklingt ein musikalisches Vorspiel. Thema ist eine Hochzeitsfeier. Das Vorspiel hat drei Themen, die jeweils aus der Melodie gewonnen werden, aber dann unterschiedlich klingen:
a) Brautmarsch »Zwingt die Saiten der Cythara und lasst die süße Musica«
b) Hochzeitstanz Gigue »ganz freudenreich erschallen«
c) Wiegenlied »Singet, springet, Jubilieret, triumphieret«
14. Diese Strophe ist eine fröhliche Hochzeitsmusik, sie eine Aufforderung zur Doxologie, zum Lobpreis Gottes.
Vor- und Nachsingen von kleinen Verzierungen in der Melodie. Jede/r kann ausprobieren, was ihr/ihm gefällt. Dann singen alle die Strophe und die instrumentale Begleitung gibt die Orientierung, damit Verzierungen möglich sind
15. Die letzte Strophe wird noch teilweise aufgenommen. Zuerst wird der Rhythmus geklatscht . - . - . - - (der Text dazu wäre: »des klopf ich in die Hände«)
16. Im Abgesang könnte wieder die Zeile mit »Amen, amen, komm du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange; deiner wart ich mit Verlangen.« Mit kräftigem Klang und stärker werdender Lautstärke gesungen werden. Vor- und Nachsingen und zwischendurch Erklärung: es geht um die sehnsuchtsvolle Erwartung der Wiederkunft Christi. In der Offenbarung des Johannes und in der Liturgie zum Abendmahl heißt es: »Maranatha – unser Herr, komm!«
18. Zum Abschluss wird die letzte Strophe gesungen, wobei unbedingt der Teil »des klopf ich…« mitgeklatscht werden sollte.
Diese recht ausführlich Anleitung kann so umgesetzt werden. Die/Der Kantor/in muss aber sensibel das Konzentrationsvermögen der Gemeinde beobachten. Schade wäre es, wenn die Gemeinde ermüdet und damit das Spannende dieser neuen Art des Singens verloren ginge.
Wenn eine Gemeinde ungeübt ist im »experimentellen« Singen, könnte man diese Meditation auch auf die ganze Zeit nach Epiphanias aufteilen und jeden Sonntag nur eine Strophe singen.
Einen letzten Aspekt will ich noch ansprechen. Es geht um die Wiederholung beim Vor- und Nachsingen. Es kann keine wirklich gültige Faustregel geben, z.B. fünf Wiederholungen sind gut o.ä. Immer in der aktuellen Aufführung muss gespürt werden, wann wird es zu viel. In der Regel werden wir zu schnell nach Abwechslung suchen! Es heißt ja Klang-Meditation, also lebt dieses Singen von der Wiederholung. Bei neuen Liedern oder Experimenten sind viele Menschen unsicher. Sicherheit erlangt man nur durch »Gewohnheit« und das heißt auch Wiederholung. Deshalb noch einmal: Die Singenden genau beobachten und merken, wann klingt es so, dass alle im Klang gefangen sind. Es ist wie beim Besteigen eines Berggipfels – ein langer Anstieg, der auch ermüdend sein kann, aber dann, kann die Spitze auch schnell überwunden sein und man hat es gar nicht gemerkt…
Jochen Kaiser
Kompetenz entsteht nicht durch Stoffverteilung.
Diese Erfahrung kenne ich aus der Musik: Können entwickelt sich durch Übung, Reflexion, Wiederholung, Rückmeldung und durch die Motivation, über längere Zeit an einem Ziel zu arbeiten. Für Hochschulen bedeutet das: Curricula müssen nicht nur Inhalte ordnen, sondern Entwicklungswege ermöglichen.
In der Weiterentwicklung von Studienstrukturen interessiert mich deshalb, wie fachliches Wissen, künstlerische Praxis, Selbststeuerung, Zusammenarbeit und professionelle Haltung zusammenwirken. Gute Studiengänge beschreiben nicht nur Module. Sie beschreiben, welche Fähigkeiten Menschen in einer zukünftigen Berufspraxis brauchen — und wie diese Fähigkeiten wachsen können.
Lernen geschieht nicht nur im Unterricht.
Es entsteht in Proben, Gesprächen, Rückmeldungen, Experimenten, Prüfungsformaten, digitalen Umgebungen und in Momenten, in denen Menschen Verantwortung für den eigenen Lernweg übernehmen. Darum interessiert mich Hochschullehre nicht nur als Didaktik, sondern als Gestaltung von Lernräumen.
Dazu gehören Präsenz und digitale Formate, individuelle Förderung und gemeinsames Arbeiten, künstlerische Erfahrung und systematische Reflexion. Besonders spannend werden Lernräume dort, wo sie reale Praxis einbeziehen: Projekte, Aufführungen, Kooperationen, Erprobungen und formative Rückmeldungen.
Prüfungen zeigen, was eine Hochschule wirklich wichtig findet.
Wenn Prüfungen nur abrufen, was vorher vermittelt wurde, bleiben sie oft hinter dem Anspruch kompetenzorientierter Bildung zurück. Mich interessiert, wie Prüfungen selbst zu Lern- und Entwicklungsmomenten werden können: durch Reflexion, Praxisbezug, Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Entscheidungen zu begründen.
Ein Beispiel dafür sind Prüfungsformate, in denen Studierende nicht nur individuell Wissen zeigen, sondern gemeinsam Situationen gestalten, Entscheidungen reflektieren und ihre professionelle Haltung sichtbar machen.
Innovation braucht mehr als gute Absichten.
Wenn neue Formate entstehen, stellt sich die Frage: Was verändert sich dadurch? Für wen entsteht ein Unterschied? Woran erkennen wir, ob ein Ansatz trägt? Wirkungsorientierung hilft, Entwicklungsprozesse nicht bei Aktivitäten stehen zu lassen, sondern ihre Bedeutung für Menschen, Organisationen und Gesellschaft zu klären.
Mich interessiert Evaluation nicht als Kontrolle, sondern als Lernschleife. Gute Evaluation fragt nicht nur, ob etwas funktioniert hat. Sie fragt, was wir daraus lernen, was angepasst werden muss und wie aus einem Versuch eine tragfähige Praxis werden kann.
Neue Ideen sind leicht formuliert. Schwieriger ist es, sie in Organisationen wirksam werden zu lassen.
Dafür braucht es Übersetzung: zwischen Fachlogiken, Personen, Gremien, Erwartungen und Ressourcen. Innovation entsteht nicht allein durch Kreativität, sondern durch kluge Prozesse, Beteiligung, Entscheidung und die Fähigkeit, aus ersten Versuchen zu lernen.
Meine Arbeit verbindet deshalb drei Bewegungen: neue Möglichkeiten erkennen, sie in überschaubaren Projekten erproben und daraus institutionelle Entwicklung gestalten.
Mich beschäftigen Hochschulen als Orte, an denen Zukunft vorbereitet wird. Das betrifft Studiengänge und Prüfungen, aber auch Kultur, Führung, Zusammenarbeit und strategische Entwicklung.
Meine Themen sind:
Im Zentrum steht für mich eine einfache Frage:
Wie können Menschen und Organisationen neue Fähigkeiten entwickeln, damit Zukunft nicht nur beschrieben, sondern gestaltet wird?
Mich interessieren Hochschulen als Orte, an denen Zukunft vorbereitet wird. Sie vermitteln Wissen, entwickeln Kompetenzen und schaffen Räume für Reflexion, Begegnung und Innovation.
Die entscheidende Frage lautet: Welchen Beitrag leisten Hochschulen für die Gesellschaft.
Hochschulentwicklung ist kein Selbstzweck. Hier werden Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen, mit Unsicherheit umzugehen und neue Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen - der Zukunft, die wir noch nicht kennen - zu entwickeln.
Rektor der Hochschule für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche von Westfalen (Witten)
Prof. Dr. Jochen Kaiser
